Meine Impulse
Das Leben gemeinsam feiern
Als Kind türkischer Eltern, das in Deutschland aufgewachsen ist und in einer muslimischen Familie sozialisiert wurde, hatte ich Weihnachten nicht feiern können. Aus religiöser Überzeugung hielt meine Familie Abstand zu dieser Zeit. Für mich war diese Phase über Jahre hinweg mit anderen Bedürfnissen verbunden: dem Dazwischenstehen zwischen zwei Kulturen und dem Wunsch dazuzugehören, zugleich dem Erleben, außen vor zu bleiben.

Im Laufe der Jahre habe ich in der Türkei, in Frankreich und in Japan gelebt. Und überall habe ich dasselbe beobachtet: Menschen feiern gern. Unabhängig vom Kontext, religiös, kulturell oder ganz weltlich, geht es im Kern darum, das Leben gemeinsam zu feiern. In jeder Religion, in jedem Glauben gibt es heilige Tage, Feste und Zeiten der Einkehr, die uns an unsere Werte erinnern; an Gemeinschaft, an Zusammenhalt und an das Teilen.

Heute ist der Dezember in Deutschland für mich die schönste Zeit des Jahres. Wenn sich das Jahresende nähert, beginnen die Städte zu leuchten, das Tempo steigt: geschäftige Tage, wachsende Erwartungen, Aufgaben, die noch erledigt werden wollen. Und zugleich liegt in dieser Zeit eine leise, oft übersehene Einladung: langsamer zu werden, innezuhalten und bewusst zu atmen.

Ich betrachte Weihnachten nicht als religiöses Ritual, sondern als eine Zeit der Reflexion, der Verbindung, der inneren Standortbestimmung; als Schwelle für einen Neubeginn, als Abschluss des alten Jahres und als Raum für Hoffnung auf das kommende. Ein für Weihnachten oder Neujahr geschmückter Tannenbaum ist für mich kein Widerspruch; vielmehr steht er für Licht, für Leben und für den Wunsch, weiterzugehen.

Deutschland ist historisch durch Migration geprägt und heute eine multi­religiöse, multi­kulturelle und multi­identitäre Gesellschaft. Migration und Integration sind große Begriffe. Vielleicht beginnt Verbindung genau hier: wenn wir den Mut haben, Feste und Rituale neu zu deuten, wenn wir diese Zeit nicht ausschließlich dem Christentumoder religiösen Menschen zuschreiben, sondern sie als einen gemeinsamen Moment des Innehaltens, Erinnerns und Verbindens zum Jahresende verstehen
 

In der “Gewaltfreien Kommunikation” nennen wir das Verbindung, den echten Kontakt zu uns selbst und zu anderen. Wenn Menschen wahrnehmen, was sie wirklich brauchen, und diesen Kontakt herstellen, entsteht Raum für Respekt, Verständnis und für ein gemeinsames Feiern.

Natürlich war dieses Jahr für uns viele nicht leicht. Wir haben schmerzliche Verluste erlebt, individuell wie gesellschaftlich, und getrauert. Die Lücke derjenigen, die wir verloren haben, begleitet uns auch beim Übergang in ein neues Jahr. Und gerade deshalb ist das Feiern des Lebens keine Leichtigkeit, sondern erfordert Mut. Zum Leben „Ja“ zu sagen heißt, weiterzugehen, ohne unsere Verstorbenen zu vergessen, sie im Herzen mitzunehmen. Trauer und Hoffnung können gleichzeitig existieren; sie schließen einander nicht aus, sondern verleihen dem Menschsein Tiefe.

Vielleicht sind diese Tage genau dafür da, um langsamer zu werden, genauer hinzuschauen und das Leben in all seiner Verletzlichkeit mitsamt unseren Unterschieden zu würdigen. Dieses Jahr mag Weihnachten bereits vergangen sein; doch wie wäre es, im nächsten Jahr aus einer neuen Perspektive auf diese Zeit zu blicken und das Leben gemeinsam zu feiern?

Möge das neue Jahr uns daran erinnern, einander aufmerksamer zuzuhören und die Verbindung zum Leben neu zu stärken, ohne unsere Schmerzen zu verleugnen und ohne das Leben aufzugeben. Denn Leben gewinnt an Kraft, wenn es geteilt wird.

Frohes Neues Jahr!

31.12.2025

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