
Meine Impulse
Vom Gastarbeiterdasein zur dauerhaften Zugehörigkeit: Eine 65-jährige gemeinsame Geschichte
In diesem Jahr wird der 65. Jahrestag des Arbeitskräfteabkommens zwischen Deutschland und der Türkei begangen.
Das im Jahr 1961 unterzeichnete Abkommen war ursprünglich dazu gedacht, wirtschaftliche Engpässe zu bewältigen. Doch die vergangenen 65 Jahre haben gezeigt, dass es weit mehr als ein reines Arbeitsabkommen war. Die damals begonnene Reise entwickelte sich zu einer gemeinsamen Geschichte, die das Leben von Millionen Menschen geprägt, dauerhafte Verbindungen zwischen zwei Ländern geschaffen und sich über Generationen hinweg fortgeschrieben hat.
Die erste Generation der nach Deutschland gekommenen Menschen machte sich häufig mit der Vorstellung auf den Weg, nur einige Jahre zu arbeiten und anschließend in ihre Heimat zurückzukehren. Sie brachten nicht nur ihre Koffer mit, sondern auch Hoffnungen, Gewohnheiten, Sprache, Kultur und Träume. In Fabriken, Werkstätten und an Fließbändern leisteten sie einen wichtigen Beitrag zum Wiederaufbau Deutschlands nach dem Krieg.
Für viele war die Türkei damals die Heimat; Deutschland ein Ort, an dem man arbeitete und den man eines Tages wieder verlassen würde. Doch der Verlauf des Lebens nahm eine andere Richtung. Menschen blieben, gründeten Familien, bekamen Kinder, und aus einer ursprünglich als vorübergehend gedachten Reise wurde ein dauerhaftes Leben.
Die zweite und dritte Generation wuchs zwischen zwei Ländern auf. Einerseits stand das kulturelle Erbe der Familie, andererseits die Werte der Gesellschaft, in der sie lebten. Viele wuchsen mit zwei Sprachen, zwei Kulturen und einem geteilten Zugehörigkeitsgefühl auf. Dies brachte mitunter Herausforderungen mit sich, zugleich jedoch auch die Möglichkeit, Brücken zwischen beiden Gesellschaften zu bauen
Heute sprechen wir bereits von der vierten und fünften Generation. Für viele junge Menschen, die in Deutschland geboren und aufgewachsen sind, ist Deutschland nicht nur ihr Wohnort, sondern Heimat und Zukunftsraum. Die Türkei bleibt dabei ein wichtiger Bezugspunkt, als Herkunft der Familiengeschichte, als Ort der Wurzeln, Erinnerungen und kulturellen Bindungen.
Diese Entwicklung gehört zu den bemerkenswertesten Aspekten der Migrationsgeschichte. Denn aus einer vor 65 Jahren begonnenen Arbeitsmigration wurde weit mehr als eine vorübergehende Bewegung zwischen zwei Ländern. Zugehörigkeit wurde über Generationen hinweg neu definiert. Menschen haben nicht nur ein neues Leben aufgebaut, sondern auch Gesellschaft, Kultur und Zukunft des Landes mitgeprägt.
Heute ist die türkische Community in Deutschland in allen Bereichen des gesellschaftlichen Lebens sichtbar, von Wirtschaft und Wissenschaft über Kunst und Politik bis hin zu Bildung und Unternehmertum. Sie ist längst kein „Gast“-Teil der Migrationsgeschichte mehr, sondern ein fester Bestandteil der deutschen Gesellschaft. Diese Geschichte ist eine sich entwickelnde, wachsende und verwurzelte Erzählung gemeinsamer Zugehörigkeit.
Die 65-jährige Migrationsgeschichte bietet nicht nur einen Anlass zum Rückblick, sondern erinnert zugleich daran, was Zusammenleben, gegenseitiges Lernen und gemeinsames Gestalten einer Zukunft bedeuten.
Dank der mutigen Schritte der ersten Generation sind heute stabile Verbindungen zwischen zwei Ländern entstanden. Daher geht es nicht mehr nur darum, woher wir kommen, sondern vor allem darum, wohin wir gemeinsam gehen wollen.
Welche Art von Erbe möchten wir den kommenden Generationen hinterlassen?
21.06.2026